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<title>Henri Poincaré : Sechs Vorträge</title>
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<a href="sec4.xml"><img src="../icons/previous_motif.gif" alt="Pr{\'e}c{\'e}dent"></img></a>
<a href="index.xml"><img src="../icons/contents_motif.gif" alt="Index"></img></a><hr></hr>

 <h2><a name="tth_sEc5">
5</a>&#x00A0;&#x00A0;F&#252;nfter Vortrag</h2><a name="fuenfter">
</a>

<center>

<div class="p"><!----></div>
<br /><br /><br /><br /><br /><br /><font size="+2">&#220;BER TRANSFINITE ZAHLEN</font>
</center>

<div class="p"><!----></div>
Meine Herren! Ich will heute &#252;ber den Begriff der transfiniten
Kardinalzahl <a name="transfinite">
</a> vor Ihnen sprechen; und zwar
will ich zun&#228;chst von einem <i>scheinbaren</i> Widerspruch
reden, den dieser Begriff enth&#228;lt. Dazu schicke ich folgendes
voraus: meiner Ansicht nach ist ein Gegenstand nur dann denkbar,
wenn er sich mit einer endlichen Anzahl von Worten definieren
l&#228;&#223;t. Einen Gegenstand, der in diesem Sinne endlich
definierbar ist, will ich zur Abk&#252;rzung einfach
"definierbar" <a name="definierbar">
</a> nennen. Demnach ist also ein
nicht definierbarer Gegenstand auch undenkbar. Desgleichen will
ich ein Gesetz "aussagbar"<a name="aussagbar">
</a> nennen, wenn es in
einer endlichen Anzahl von Worten ausgesagt werden kann.

<div class="p"><!----></div>
Herr  R<font size="-2">ICHARD</font><a name="Richard">
</a> hat nun bewiesen, da&#223;
die Gesamtheit der definierbaren Gegenst&#228;nde abz&#228;hlbar ist,
d.&#x00A0;h.&#x00A0;da&#223; die Kardinalzahl dieser Gesamtheit 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>&aleph;</mi></mrow><mrow><mn>0</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math> ist.
Der Beweis ist ganz einfach: sei 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>&alpha;</mi></mrow></math> die Anzahl der
W&#246;rter des W&#246;rterbuches, dann kann man mit 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>n</mi></mrow></math> W&#246;rtern
h&#246;chstens 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msup><mrow><mi>&alpha;</mi></mrow><mrow><mi>n</mi></mrow>
</msup>
</mrow></math> Gegenst&#228;nde definieren. L&#228;&#223;t man
nun 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>n</mi></mrow></math> &#252;ber alle Grenzen wachsen, so sieht man, da&#223; man
nie &#252;ber eine abz&#228;hlbare Gesamtheit hinauskommt. Die
M&#228;chtigkeit der Menge der denkbaren Gegenst&#228;nde w&#228;re also

<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>&aleph;</mi></mrow><mrow><mn>0</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math>. Herr  S<font size="-2">CHOENFLIES</font><a name="Schoenflies">
</a> hat
gegen diesen Beweis eingewandt, da&#223; man mit einer einzigen
Definition mehrere, ja sogar unendlich viele Gegenst&#228;nde
definieren k&#246;nne. Als Beispiel f&#252;hrt er die Definition der
konstanten Funktionen an, deren es offenbar unendlich viele
gibt. Dieser Einwand ist deshalb unzul&#228;ssig, weil durch solche
Definitionen gar nicht die einzelnen Gegenst&#228;nde, sondern ihre
Gesamtheit, in unserem Beispiel also die <i>Menge</i> der
konstanten Funktionen definiert wird, und diese ist ein einziger
Gegenstand. Der Einwand von Herrn  S<font size="-2">CHOENFLIES</font> ist also
nicht stichhaltig.

<div class="p"><!----></div>
Nun hat bekanntlich  C<font size="-2">ANTOR</font><a name="Cantor">
</a> bewiesen,
da&#223; das Kontinuum nicht abz&#228;hlbar ist; dies widerspricht
dem Beweise von  R<font size="-2">ICHARD</font>. Es fragt sich also, welcher
von beiden Beweisen richtig ist. Ich behaupte, sie sind beide
richtig, und der Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Zur
Begr&#252;ndung dieser Behauptung will ich einen neuen Beweis f&#252;r
den  C<font size="-2">ANTOR</font>schen Satz geben: Wir nehmen also an, es sei
eine Strecke 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>AB</mi></mrow></math> gegeben und ein Gesetz, durch welches jedem
Punkte der Strecke eine ganze Zahl zugeordnet wird. Wir wollen
der Einfachheit halber die Punkte durch die ihnen zugeordneten
Zahlen bezeichnen. Wir teilen nun unsere Strecke durch zwei
beliebige Punkte 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>A</mi></mrow><mrow><mn>1</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math> und 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>A</mi></mrow><mrow><mn>2</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math> in drei Teile, die wir als
Unterstrecken 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mn>1</mn></mrow></math>.&#x00A0;Stufe bezeichnen; diese teilen wir wieder in
je drei Teile und erhalten Unterstrecken 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mn>2</mn></mrow></math>.&#x00A0;Stufe; dieses
Verfahren denken wir uns ins Unendliche fortgesetzt, wobei die
L&#228;nge der Unterstrecken unter jede Grenze sinken soll. Der
Punkt&#x00A0;
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mn>1</mn></mrow></math> geh&#246;rt nun einer oder h&#246;chstens, wenn er mit 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>A</mi></mrow><mrow><mn>1</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math>
oder 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>A</mi></mrow><mrow><mn>2</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math> zusammenf&#228;llt, zweien der Unterstrecken erster
Stufe an, es gibt also sicher eine, der er nicht angeh&#246;rt. Auf
dieser suchen wir den Punkt mit der niedrigsten Nummer, die nun
mindestens 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mn>2</mn></mrow></math> sein mu&#223;, auf. Unter den 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mn>3</mn></mrow></math> Unterstrecken

<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mn>2</mn></mrow></math>.&#x00A0;Stufe, die zu derjenigen Strecke 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mn>1</mn></mrow></math>.&#x00A0;Stufe geh&#246;ren, auf
der wir uns befinden, ist nun wieder mindestens eine, der der
zuletzt betrachtete Punkt nicht angeh&#246;rt. Auf dieser setzen
wir das Verfahren fort und erhalten so eine Folge von Strecken,
die folgende Eigenschaften hat: jede von ihnen ist in allen
vorhergehenden enthalten, und eine Strecke 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>n</mi>^
<mtext>ter</mtext>
</mrow></math> Stufe
enth&#228;lt keinen der Punkte 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mn>1</mn></mrow></math> bis 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>n</mi><mo>-</mo><mn>1</mn></mrow></math>. Aus der ersten
Eigenschaft folgt, da&#223; es mindestens einen Punkt geben
mu&#223;, der ihnen allen gemeinsam ist; aus der zweiten
Eigenschaft folgt aber, da&#223; die Nummer dieses Punktes
gr&#246;&#223;er sein mu&#223; als jede endliche Zahl, d.&#x00A0;h.&#x00A0;es kann
ihm keine Zahl zugeordnet werden.

<div class="p"><!----></div>
Was haben wir nun zu diesem Beweise vorausgesetzt? Wir haben ein
Gesetz vorausgesetzt, das jedem Punkte der Strecke eine ganze
Zahl zuordnet. Dann konnten wir einen Punkt definieren, dem
keine ganze Zahl zugeordnet ist. In dieser Hinsicht
unterscheiden sich die verschiedenen Beweise dieses Satzes
nicht. Dazu mu&#223;te aber das Gesetz zuerst feststehen. Nach
 R<font size="-2">ICHARD</font> m&#252;&#223;te anscheinend ein solches Gesetz
existieren, aber  C<font size="-2">ANTOR</font> hat das Gegenteil bewiesen. Wie
kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Fragen wir einmal nach der
Bedeutung des Wortes "definierbar". Wir nehmen die Tafel aller
endlichen S&#228;tze und streichen daraus alle diejenigen, die
keinen Punkt definieren. Die &#220;brigbleibenden ordnen wir den
ganzen Zahlen zu. Wenn wir jetzt die Durchmusterung der Tafel
von neuem vornehmen, so wird es sich im allgemeinen zeigen,
da&#223; wir jetzt einige S&#228;tze stehen lassen m&#252;ssen, die wir
vorher gestrichen haben. Denn die S&#228;tze, in welchen man von
dem Zuordnungsgesetz selbst sprach, hatten fr&#252;her keine
Bedeutung, da die Punkte den ganzen Zahlen noch nicht zugeordnet
waren. Diese S&#228;tze haben jetzt eine Bedeutung, und m&#252;ssen in
unserer Tafel bleiben. W&#252;rden wir jetzt ein neues
Zuordnungsgesetz aufstellen, so w&#252;rde sich dieselbe
Schwierigkeit wiederholen und so ad infinitum. Hierin liegt aber
die L&#246;sung des scheinbaren Widerspruchs zwischen
 C<font size="-2">ANTOR</font> und  R<font size="-2">ICHARD</font>. Sei 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>M</mi></mrow><mrow><mn>0</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math> die Menge der
ganzen Zahlen, 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>M</mi></mrow><mrow><mn>1</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math> die Menge der nach der ersten
Durchmusterung der Tafel aller endlichen S&#228;tze definierbaren
Punkte unserer Strecke, 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>G</mi></mrow><mrow><mn>1</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math> das Gesetz der Zuordnung zwischen
beiden Mengen. Durch dieses Gesetz kommt eine neue Menge 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>M</mi></mrow><mrow><mn>2</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math>
von Punkten als definierbar hinzu. Zu 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>M</mi></mrow><mrow><mn>1</mn></mrow>
</msub>
<mo>+</mo>
<msub><mrow><mi>M</mi></mrow><mrow><mn>2</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math> geh&#246;rt aber
ein neues Gesetz 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>G</mi></mrow><mrow><mn>2</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math>, dadurch entsteht eine neue Menge 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>M</mi></mrow><mrow><mn>3</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math>
usw.  R<font size="-2">ICHARD</font>s Beweis lehrt nun, da&#223;, wo ich auch
das Verfahren abbreche, immer ein Gesetz existiert, w&#228;hrend
 C<font size="-2">ANTOR</font> beweist, da&#223; das Verfahren beliebig weit
fortgesetzt werden kann. Es besteht also kein Widerspruch
zwischen beiden.

<div class="p"><!----></div>
Der Schein eines solchen r&#252;hrt daher, da&#223; dem
Zuordnungsgesetz von  R<font size="-2">ICHARD</font> eine Eigenschaft fehlt,
die ich mit einem von den englischen Philosophen entlehnten
Ausdruck als "pr&#228;dikativ" <a name="praedikativ">
</a> bezeichne.
(Bei  R<font size="-2">USSELL</font>,<a name="Russell">
</a> dem ich das Wort entlehne,
ist eine Definition zweier Begriffe 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math> und 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi><mo>'</mo></mrow></math> nicht
pr&#228;dikativ, wenn 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math> in der Definition von 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi><mo>'</mo></mrow></math> und umgekehrt
vorkommt.) Ich verstehe darunter folgendes: Jedes
Zuordnungsgesetz setzt eine bestimmte Klassifikation voraus. Ich
nenne nun eine Zuordnung pr&#228;dikativ, wenn die zugeh&#246;rige
Klassifikation pr&#228;dikativ ist. Eine Klassifikation aber nenne
ich pr&#228;dikativ, wenn sie durch Einf&#252;hrung neuer Elemente
nicht ver&#228;ndert wird. Dies ist aber bei der
 R<font size="-2">ICHARD</font>schen nicht der Fall, vielmehr &#228;ndert die
Einf&#252;hrung des Zuordnungsgesetzes die Einteilung der S&#228;tze
in solche, die eine Bedeutung haben, und solche, die keine
haben. Was hier mit dem Wort "pr&#228;dikativ" gemeint ist,
l&#228;&#223;t sich am besten an einem Beispiel illustrieren: wenn
ich eine Menge von Gegenst&#228;nden in eine Anzahl von Schachteln
einordnen soll, so kann zweierlei eintreten: entweder sind die
bereits eingeordneten Gegenst&#228;nde endg&#252;ltig an ihrem Platze,
oder ich mu&#223; jedesmal, wenn ich einen neuen Gegenstand
einordne, die anderen oder wenigstens einen Teil von ihnen
wieder herausnehmen. Im ersten Falle nenne ich die
Klassifikation pr&#228;dikativ, im zweiten nicht. Ein gutes
Beispiel f&#252;r eine nicht pr&#228;dikative Definition hat
 R<font size="-2">USSELL</font> gegeben: 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math> sei die kleinste ganze Zahl, deren
Definition mehr als hundert deutsche Worte erfordert. 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math>
mu&#223; existieren, da man mit hundert Worten jedenfalls nur
eine endliche Anzahl von Zahlen definieren kann. Die Definition,
die wir eben von dieser Zahl gegeben haben, enth&#228;lt aber
weniger als hundert Worte. Und die Zahl 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math> ist also
<i>definiert</i> als <i>undefinierbar</i>.

<div class="p"><!----></div>
 Z<font size="-2">ERMELO</font><a name="Zermelo">
</a> hat nun gegen die Verwerfung der
nicht pr&#228;dikativen Definitionen den Einwand erhoben, da&#223;
damit auch ein gro&#223;er Teil der Mathematik hinf&#228;llig
w&#252;rde, z.&#x00A0;B.&#x00A0;der Beweis f&#252;r die Existenz einer Wurzel einer
algebraischen Gleichung.<a name="Wurzeln">
</a>

<div class="p"><!----></div>
Dieser Beweis lautet bekanntlich folgenderma&#223;en:

<div class="p"><!----></div>
Gegeben ist eine Gleichung 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>F</mi><mo stretchy="false">(</mo><mi>x</mi><mo stretchy="false">)</mo><mo>=</mo><mn>0</mn></mrow></math>. Man beweist nun, da&#223;

<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mrow><mo>|</mo><mi>F</mi><mo stretchy="false">(</mo><mi>x</mi><mo stretchy="false">)</mo><mo>|</mo></mrow></mrow></math> ein Minimum haben mu&#223;; sei 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>x</mi></mrow><mrow><mn>0</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math> einer
der Argumentwerte, f&#252;r den das Minimum eintritt, also
<br />
<table width="100%"><tr><td align="center">
    <math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
    <mstyle displaystyle="true"><mrow><mrow><mo>|</mo><mi>F</mi><mo stretchy="false">(</mo><mi>x</mi><mo stretchy="false">)</mo><mo>|</mo></mrow><mo>&ge;</mo><mrow><mo>|</mo><mi>F</mi><mo stretchy="false">(</mo>
<msub><mrow><mi>x</mi></mrow><mrow><mn>0</mn></mrow>
</msub>
<mo stretchy="false">)</mo><mo>|</mo></mrow></mrow>
    </mstyle></math>
</td></tr></table>
<br />

Daraus folgt dann weiter, da&#223; 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>F</mi><mo stretchy="false">(</mo>
<msub><mrow><mi>x</mi></mrow><mrow><mn>0</mn></mrow>
</msub>
<mo stretchy="false">)</mo><mo>=</mo><mn>0</mn></mrow></math> ist. Hier ist nun
die Definition von 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>F</mi><mo stretchy="false">(</mo>
<msub><mrow><mi>x</mi></mrow><mrow><mn>0</mn></mrow>
</msub>
<mo stretchy="false">)</mo></mrow></math> nicht pr&#228;dikativ, denn dieser Wert
h&#228;ngt ab von der Gesamtheit der Werte von 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>F</mi><mo stretchy="false">(</mo><mi>x</mi><mo stretchy="false">)</mo></mrow></math>, zu denen er
selbst geh&#246;rt.

<div class="p"><!----></div>
Die Berechtigung dieses Einwandes kann ich nicht zugeben. Man
kann den Beweis so umformen, da&#223; die nicht pr&#228;dikative
Definition daraus verschwindet. Ich betrachte zu diesem Zwecke
die Gesamtheit der Argumente von der Form 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<mfrac><mrow><mi>m</mi><mo>+</mo><mi>ni</mi></mrow>
<mrow><mi>p</mi></mrow>
</mfrac>
</mrow></math>, wo

<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>m</mi></mrow></math>, 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>n</mi></mrow></math>, 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>p</mi></mrow></math> ganze Zahlen sind. Dann kann ich dieselben
Schl&#252;sse wie vorher ziehen, aber der Argumentwert, f&#252;r den
das Minimum von 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mrow><mo>|</mo><mi>F</mi><mo stretchy="false">(</mo><mi>x</mi><mo stretchy="false">)</mo><mo>|</mo></mrow></mrow></math> eintritt, geh&#246;rt im
allgemeinen nicht zu den betrachteten. Dadurch ist der Zirkel im
Beweise vermieden. Man kann von jedem mathematischen Beweise
verlangen, da&#223; die darin vorkommenden Definitionen usw.&#x00A0;pr&#228;dikativ sind, sonst w&#228;re der Beweis nicht streng.

<div class="p"><!----></div>
Wie steht es nun mit dem klassischen Beweise des
 B<font size="-2">ERNSTEIN</font>schen<a name="Bernstein">
</a> Theorems? Ist er
einwandfrei? Das Theorem sagt bekanntlich aus, da&#223;, wenn
drei Mengen 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math>, 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>B</mi></mrow></math>, 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>C</mi></mrow></math> gegeben sind, wo 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math> in 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>B</mi></mrow></math> und 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>B</mi></mrow></math> in

<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>C</mi></mrow></math> enthalten ist, und wenn 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math> &#228;quivalent 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>C</mi></mrow></math> ist, auch 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math>
&#228;quivalent 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>B</mi></mrow></math> sein mu&#223;. Es handelt sich also auch hier um
ein Zuordnungsgesetz.  Wenn das erste Zuordnungsgesetz (zwischen

<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math> und 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>C</mi></mrow></math>) pr&#228;dikativ ist, so zeigt der Beweis, da&#223; es
auch ein pr&#228;dikatives Zuordnungsgesetz zwischen 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>A</mi></mrow></math> und 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow><mi>B</mi></mrow></math>
geben mu&#223;.

<div class="p"><!----></div>
Was nun die zweite transfinite Kardinalzahl 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>&aleph;</mi></mrow><mrow><mn>1</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math> betrifft,
so bin ich nicht ganz &#252;berzeugt, da&#223; sie existiert. Man
gelangt zu ihr durch Betrachtung der Gesamtheit der
Ordnungszahlen von der M&#228;chtigkeit 
<math xmlns="http://www.w3.org/1998/Math/MathML">
<mrow>
<msub><mrow><mi>&aleph;</mi></mrow><mrow><mn>0</mn></mrow>
</msub>
</mrow></math>; es ist klar,
da&#223; diese Gesamtheit von h&#246;herer M&#228;chtigkeit sein
mu&#223;. Es fragt sich aber, ob sie abgeschlossen ist, ob wir
also von ihrer M&#228;chtigkeit ohne Widerspruch sprechen d&#252;rfen.
Ein aktual Unendliches gibt es jedenfalls nicht.

<div class="p"><!----></div>
Was haben wir von dem ber&#252;hmten <i>Kontinuumproblem</i>
<a name="Kontinuum">
</a> zu halten? Kann man die Punkte des Raumes
wohlordnen? Was meinen wir damit? Es sind hier zwei F&#228;lle
m&#246;glich: entweder behauptet man, da&#223; das Gesetz der
Wohlordnung endlich aussagbar ist, dann ist diese Behauptung
nicht bewiesen; auch Herr  Z<font size="-2">ERMELO</font> erhebt wohl nicht den
Anspruch, eine solche Behauptung bewiesen zu haben. Oder aber
wir lassen auch die M&#246;glichkeit zu, da&#223; das Gesetz nicht
endlich aussagbar ist. Dann kann ich mit dieser Aussage keinen
Sinn mehr verbinden, das sind f&#252;r mich nur leere Worte. Hier
liegt die Schwierigkeit. Und das ist wohl auch die Ursache f&#252;r
den Streit &#252;ber den fast genialen Satz  Z<font size="-2">ERMELOS</font>.
Dieser Streit ist sehr merkw&#252;rdig:  die einen verwerfen das
Auswahlpostulat,<a name="Auswahlpostulat">
</a> halten aber den Beweis
f&#252;r richtig, die anderen nehmen das Auswahlpostulat an,
erkennen aber den Beweis nicht an.

<div class="p"><!----></div>
Doch ich k&#246;nnte noch manche Stunde dar&#252;ber sprechen, ohne
die Frage zu l&#246;sen.

<div class="p"><!----></div>
<hr />
<a href="/poincare/">Archives Henri Poincar&#233;</a>, UMR 7117.
Edit&#233; le 2010-04-22 09:54:36.

<div class="p"><!----></div>
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